Die vergessenen Imperien auf zwei Kontinenten-Ein Kommentar zum Symposium „Imperien und Reiche in der Weltgeschichte“, Hildesheim 25. April – 1. Mai 2010
AUTOR: Vladislav MARJANOVIĆ
Der Aufstieg und Fall von Imperien erweckt immer wieder die Neugier der Wissenschaftler. Um dieses Phänomen deutlicher einsehen zu können, werden diesmal in Hildesheim mehr als 40 Imperien unter die Lupe genommen und zwar in einem Zeitraum, der sich vom 3. Jahrhundert vor Christi bis zu unseren Tagen ausdehnt. Wie man der Einladung zu diesem Symposium entnehmen kann, werden Imperien auf allen Kontinenten behandelt...
Wenn man aber die Liste der Referate anschaut, wird man feststellen müssen, dass nur drei Referate sich mit den Imperien auf dem afrikanischen Kontinent beschäftigen werden: Zwei mit dem alten Ägypten und eines mit den Dynastien von Fatimiden und Mameluken, die im Mittelalter über Ägypten und Nordafrika regierten. Mit dem amerikanischen Kontinent steht es noch schlechter. Nur ein Referat wird einem amerikanischen Imperium gewidmet werden: der USA.
Was immer die Ursache für dieses Versäumnis sein könnte, ist es zu bedauern, dass Imperien, die in Afrika und Lateinamerika existierten und die Geschichte dieser zwei Kontinente prägten, beim Symposium in Hildesheim nicht berücksichtigt werden. Dadurch wird einerseits ein unvollkommenes Bild über die Entwicklung von Imperien in der Weltgeschichte entstehen, sondern es wird auch eine Gelegenheit versäumt, jene Eigenschaften zu erkennen, die auch in den modernen Reichen zu finden sind, nämlich die Dominierung und die Expansion. Die autarken Wirtschaftsverhältnisse zwangen zu Sicherung von Nahrungsquellen und der Handel den Schutz von Handelswegen. Der Aufbau einer politischen Organisation, die solche Bedürfnisse einer bestimmten menschlichen Gruppe garantieren würde, erfolgte in Lateinamerika und im Afrika auf ziemlich ähnliche Weise wie in Asien oder Europa. Stadtstaaten und zentralisierte Reiche waren überall vorhanden. Handel und Kriege, Religion und Hierarchie prägten die Entwicklung sowohl die Reiche der Maya, Azteken, Inkas in Lateinamerika oder der Reiche von Kerma, Äthiopien, Kilwa, Simbabwe, Ghana, Mali, des Zulu-Reiches oder Sansibar bis hin zu jenen, die in den so genannten „Dschihad-Bewegungen“ im 19. Jahrhundert in Afrika entstanden sind. Expansion, große militärische Expeditionen, Wanderungen, sogar Entdeckungsreisen begleiteten die Entstehung oder den Zerfall von Reichen. Die Tatsache, dass die meisten von ihnen keine eigene Schrift hatten, und dass sie Opfer der europäischen Kolonialexpansion und Sklavenhandel wurden, ändert nichts an der Tatsache, dass Imperien in Lateinamerika und Afrika einen bestimmten Platz in der Geschichte der Menschheit haben, der nicht unterschätzt werden darf.
Obwohl die früheren großen Reiche in Lateinamerika und Afrika vergangen sind, bleibt ihre Sendung erstaunlich aktuell. Noch vor einer relativ kurzen Zeit wüteten in Europa und Asien totalitäre Reiche. Führerkult, Ideologie, Beschränkung der Freiheit waren ihre Merkmale. In Lateinamerika hatten die Inkas in ihrem Tawantinsuyu-Reich dieses System bereits im Mittelalter entwickelt. Ethnische und Stammesidentitäten wurden unterdrückt, ganze Völker von einem Teil des Reiches in einen anderen deportiert, um auf diese Weise eine Nation von Untertannen zu schaffen. Die Kontrolle der Bevölkerung erfolgte durch Aufteilung der Bewohner in kleine Gemeinschaften, die von einem Beamten überwacht wurden,dem jedes Mitglied verpflichtet war, periodisch seine Gedanken zu beichten. Selbstdenunzierung und eine zur Staatsreligion erhobene Ideologie schufen ein System, das manche Historiker nicht zu Unrecht als „Steinzeitkommunismus“ bezeichneten. Es wäre vielleicht übertrieben zu behaupten, dass Hitler, Stalin, Mao Zedong oder Pol Pot vom Inka-Reich inspiriert waren. Tatsache ist, dass Ähnlichkeiten vorhanden sind, und dass die Tendenz zur Unterdrückung der Freiheit und zur totalen Kontrolle der Untertanen Bestandteil jedes Imperiums ist.

Imperien streben nach Expansion, müssen aber auch innerlich stark sein, um sich vor äußeren Feinden verteidigen zu können. Das kann zu einer Militarisierung der Gesellschaft führen. Sparta war in dieser Hinsicht wegweisend, aber das Zulu-Reich in Südafrika Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts könnte beinahe als eine Art Replik dieses antiken griechischen Staates betrachtet werden. Im Zulu-Reich war die Bevölkerung in militärische Einheiten aufgeteilt wobei junge Leute (auch Mädchen) zum aktiven Wehrdienst verpflichtet und deshalb kaserniert wurden . Eine äußerst effiziente Kriegsmaschine entstand, was zu einer frühen Version von Genozid und Ethnozid führte: Stämme, die sich nicht unterwerfen wollten, wurden aufgerieben. Der Weg zur Beseitigung der Stammesgesellschaft und zur Schaffung eines nationalen Bewusstseins war dadurch geebnet. Die Inkas haben dabei eine noch effizientere Methode entwickelt. Nach jedem Eroberungszug folgte die Deportation der unterworfenen Völker: sie wurden zwangsweise von einem Teil des Reiches in einen anderen übersiedelt, um dadurch ihre „Integration“ zu beschleunigen. Im 20. Jahrhundert handelte Stalin ähnlich, aber mit einem anderem Ziel: ihm ging es nicht um die Integration, sondern nur um die kollektive Bestraffung von subversiven Völkern.
Das Inka-Reich
Zentralisierte Reiche haben es leichter, sich in Imperien umzuwandeln und riesige Territorien zu beherrschen. Das Inkareich erstreckte sich entlang des größten Teils der südamerikanischen Pazifikküste und seine Expansion nach Osten wurde nur durch geographische Hindernisse (Urwälder im Amazonasgebiet) verhindert. Die Zulus ihrerseits drangen von Südafrika bis zum Viktoriasee vor und gründeten unterwegs mehrere unabhängige Reiche. Straffe militärische Organisation und zentralisierte Verwaltung mit gut organisiertem Propagandaapparat, der Untertanen in Werkzeugeder absolutistischen, mit göttlichen Attributen versehenen Herrscher verwandelte, bildeten die Grundlagen solcher „Erfolge“, damals wie – leider – heute.
Das Ummayyadenreich um 750 n. Chr.
Religion in ihrer Eigenschaft als Opium für das Volk im wahren Sinne des Wortes übte eine verheerende Wirkung auf die Gemeinschaften aus. Die Blutopferrituale bei den Azteken, den Mayas und anderen Zivilisationen in Mittelamerika waren eine zusätzliche Triebkraft für ihre Expansion. Auf ähnlich ideologischer Grundlage beruhte in Afrika z.B. das Reich Dahomey im heutigen Benin, obwohl es der Sklavenhandel war, der ihm zu seiner wirtschaftlichen und politischen Expansion verhalf. Noch effizienter wirkten monotheistische Religionen beim Aufbau von Imperien in Afrika. Der Islam spielte dabei eine außerordentliche Rolle. Er stärkte die Macht der Herrscher in der ganzen Subsahelzone und ermöglichte Kontakte mit dem Mittelmeerraum und Nahen Osten. Mächtige Reiche wie das alte Ghana, Mali, Songhai, Kanem-Bornu, die die Handelswege des Goldes und Salzes kontrollierten, profitierten davon. Die spätere „dschihadistische“ Bewegung, die auf einem fundamentalistischen Konzept des Islams beruhte, ermöglichte die Gründung von mehreren großen Fulbe-Reichen sowie des Mahdi-Reiches im heutigen Sudan, die erst durch kolonial Eroberungen im späten 19. Jahrhundert niedergeschlagen wurden . Diese späte Phase der islamischen Erneuerung beruhte auf ähnlichen Prinzipien und Methoden wie der heutige islamische Fundamentalismus, mit dem Unterschied, dass die Expansion des Fundamentalismus nicht zur Gründung von neuen Imperien führte , ermöglichte es aber zumindest Saudi Arabien, Iran und Libyen, zu diesem Zweck eine starke Rolle im Hintergrund zu spielen.
Auch die christliche Religion spielte eine Rolle in der Bildung von Reichen und Imperien. Nicht aber in Lateinamerika, sondern in Afrika. Sie wirkte z.B. in Äthiopien oder im Kongo-Reich als Amalgam und ermöglichteeinerseitsdie Festigung der Zentralmacht und andererseits die Errichtung von Fundamenten für den Aufbau eines nationalen Bewusstseins. Wie im Fall des Islams, so wurde auch die christliche Religionin den afrikanischen Reichen, wo sie herrschte , wie in Äthiopien im 3. und im Kongo Ende des 15. Jahrhunderts,, ein Mittel für eigene imperiale Zwecke angewendet.
Der Vorstoß von monotheistischen Religionen war aber zwiespaltig. Sie festigte zwar die Zentralverwaltung, die ihrerseits aber der Autorität einer höhren, geistigen Macht unterstellt wurde. Damit wurde die Willkür der Herrscher eingeschränkt und der Weg zur Einführung der Rechtstaatlichkeit geebnet. Andererseits aber führten die monotheistischen Religionen zur Anbindung an einen fremden, aus Übersee stammenden Kulturkreis. Das christliche Kongoreich war das erste Beispiel dafür. Auch die Merina-Könige in Madagaskar, die ursprünglich durch Christianisierung ihre eigene Macht festigten, öffneten damit den Weg zuerst für den britischen Einfluss und dann für die französische Kolonialisierung.
Manche afrikanischen Herrscher versuchten ihre Macht durch das Ausspielen einer monotheistischen Religion gegen die andere zu bewahren. So schwankten die letzten Ganda- Könige im heutigen Uganda zwischen dem Islam und dem Christentum, je nachdem, wo sie mehr verdienen konnten bei -Sklavenhändlerdes Sultanats Sansibar oder bei den Engländern. Die Hauptnutzniesser der christlichen Missionierung in Lateinamerika und in Afrika waren aber die Kolonialmächte, und dieser Prozess setzt sich im postkolonialer, besser gesagt neokolonialer Zeit fort, diesmal durch die Offensive zahlreicher evangischer Kirchen, die ihre Zentren meistens in den USA haben.
Dennoch war es nicht die Religion, sondern die bessere Bewaffnung der Europäer, die das Schicksal sowohl der lateinamerikanischen als auch der afrikanischen Imperien besiegelte.
Einige der afrikanischen Imperien
Die Zerstörung der Imperien in Lateinamerika und Afrika durch europäische Kolonialmächte darf nicht zu Ignorierung ihres Beitrages zur Geschichte der Menschheit führen. Sie auf archäologische Relikte oder künstlerische Errungenschaften zu reduzieren, vermindert die Wahrnehmung der politischen Rolle, die sie auf ihren jeweiligen Kontinenten spielten. Dies umso mehr, weil die Reiche in Lateinamerika und Afrika manchmal große Ähnlichkeiten mit jenen in Europa, und im Nahen oder Fernen Osten zeigen. Gewiß waren diese Imperien absolutistisch, ja sogar theokratisch, es wäre aber falsch, in ihren Herrschern nur blutrünstige Psychopathen zu sehen. Es gab unter ihnen auch Geschäftsleute, Diplomaten, soziale Reformer, Gesetzgeber. Viele von ihnen waren weltoffen und neugierig auf Errungenschaften anderer Völker, die sie gerne übernahmen, wenn es ihnen nützlich sein konnte. Sie wagten sich, sogar Expeditionen auszu- rüsten, die neue, auch Überseeländer entdecken bzw. umfassen sollten. So hat im 14. Jahrhundert Abubakari II, der Herrscher von Mali in Westafrika, zwei Expeditionen über den Atlantischen Ozean geschickt. An der zweiten hat er selbst teilgenommen und ist nicht zurückgekommen. Im 15. Jahrhundert hat der Inka-Herrscher Tupac Yupanqui eine Flotte von 20.000 Balsa-Flössen überden Stillen Ozean geschickt. Ob diese Expedition nur bis zu der Osterinsel oder den Galapagosinseln oder bis nach Melanesien kam, ist ebenso strittig wie die Hypothese, dass die Expedition von Abubakari II die Karibik oder Südamerika erreichte. Was aber unbestritten ist, dass es Versuche auch bei den Imperien in Afrika und Lateinamerika gab , unbekannte Gebiete zu erforschen.
Die Leistungen der Imperien in Lateinamerika und Afrika dürfen aber nicht ihre wahre Natur verschleiern. Machtgier und Sucht nach Anhäufung materieller Güter bildeten überall die Grundlage für ihre Entstehung, Wirkung und Untergang. Es sind die gleichen Fundamente, auf denen auch die heutigen Imperien ruhen. Da sie keine anderen Ziele verfolgen, ist es nicht auszuschließen, dass sie, trotz ihrer höheren technischen Entwicklung, einem ähnlichen Schicksal geweiht sind. „Tout empire périra“, jedes Imperium wird untergehen, so prophezeite der französische Historiker Jean-Baptiste Duroselle in seinem gleichnamigen 1981 erschienenen Buch. Aber die Entstehung von neuen Reichen kann nicht ausgeschlossen werden, zumindest so lange Machtbesessenheit und Profitsucht der Eliten das Schicksal der Menschheit prägen werden. Ob diesem Prozess einmal ein Ende gemacht werden kann, hängt von der Fähigkeit der Gesellschaft ab, Lehren aus der Entwicklung früherer Imperien zu ziehen und insbesondere auch von jenen in Lateinamerika und Afrika. Wissenschaftliche Kongresse, die sich mit den Imperien befassen, wären gut beraten, in Zukunft darauf zu achten.
Quelle: der Autor
Originalartikel veröffentlicht am 6.5.2010
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