Sonntag, 10. Januar 2010

Die Wahrheit in Blei geschmolzen

AUTOR: Michael SFARD מיכאל ספרד

Übersetzt von Ellen Rohlfs und Christoph Glanz


Die Operation Cast Lead war unser 2. Unabhängigkeitskrieg. Im ersten befreiten wir uns von 2000 Jahren Leben unter Kontrolle von anderen. Im zweiten befreiten wir uns von den Fesseln des jüdischen Erbes und der jüdischen Moral, die uns jahrelang gebunden haben.
Es ist ein Jahr vergangen, nur gerade ein Jahr – aber wir können schon sagen, dieses war anders. Dieses war nicht noch ein „Regenbogen“, kein „Sommerregen“ oder „Tage der Reue“ - IDF-Operationen der letzten Jahre im Gazastreifen. Vielleicht war der Offizier, der sonst für die Codenamen verantwortlich war, ersetzt worden oder vielleicht fanden wir keinen pastoralen Namen mehr. Auf jeden Fall wurde unserem letzten grimmigen Angriff auf Gaza ein Etikett mit einer gewalttätigen Assoziation gegeben: „Cast Lead“ (geschmolzenes Blei). In der Rückschau markiert diese Operation einen wichtigen Wendepunkt im Wertesystem der israelischen Gesellschaft.

In jenem belagerten Streifen Land entdeckten wir die kristallklare Wahrheit über uns selbst, ungeschminkt und schamlos. Einmal der Wahrheit entkommen, haben wir sie unter den Teppich gekehrt. Wir beschäftigten uns mit Selbsttäuschung, die von Krieg zu Krieg, von Operation zu Operation immer raffinierter wurde. Wir benahmen uns wie der Mann, der alle politische Korrektheit fallen ließ und seine Frau wütend in die Küche schickte, so haben wir uns geoutet. Dies waren wir - und wir sind noch stolz darauf. Während „Cast Lead“ ließen wir drei Wochen lang Bomben auf eines der am dichtesten bevölkerten zivilen Regionen der Welt fallen. Wir richteten unsere Waffen auf klare zivile Ziele, wir benützen Phosphor, wir zerstörten absichtlich und systematisch Tausende von Häusern und öffentliche Gebäude. Wir taten dies alles, während ein dichter Verteidigungsring die Zivilisten daran hinderte, aus der Kampfzone zu fliehen.

Wir haben keine vorübergehenden Flüchtlingslager für Zivilisten eingerichtet. Wir arrangierten keinen humanitären Fluchtkorridor. Wir schonten die Krankenhäuser, die Vorratshäuser und Wohlfahrtshäuser der UN nicht. Wir drückten kein geheucheltes Bedauern aus. Wir behaupteten nicht, dass dies tragische Fehler wären. Wir vermieden sogar, verletzte Kinder in Krankenhäuser nach Israel zu bringen.

Das Ergebnis ist erschreckend. Über 1400 Getötete, mehr als die Hälfte von ihnen nahmen nicht am Kampf teil, und unter ihnen waren mehr als 320 Kinder und 120 Frauen (nach B’tselem). In drei Wochen töteten wir mehr Palästinenser als während der ganzen ersten Intifada und bei allen gewalttätigen Vorfällen in den besetzten Gebieten seit Beginn der 2. Intifada zusammen - also von 1987 bis 2000.

Die Bewohner von Gaza, die wir schon vorher in einen Pferch eingesperrt hatten, entdeckten, dass die Gefängniswärter an das Gefängnis Feuer gelegt hatten und den Schlüssel aus dem Fenster geworfen haben. Wir gaben nicht vor, uns selbst an Standards zu halten, an die wir glauben. Wir gaben auch keine Lippenbekenntnisse ab.

Regierungsbüros? Kein Problem . Sie sind offizielle legitime Ziel für Angriffe. Und wenn nun in diesen Leute arbeiten, die Zivilisten sind? Welchen Unterschied macht es, wenn sie für das zivile Leben zuständig sind: für Transport, Landwirtschaft, Wohlfahrt für 1,5 Millionen Menschen?

Eine kollektive Liquidation von mehr als hundert Polizeikadetten in der Mitte ihrer Vereidigungsfeier? Absolut – sie sind Palästinenser in Uniformen – was soll’s?

Das Abfeuern von weißem Phosphor, der noch tagelang , nachdem er abgeworfen worden war, in den Gassen brennt, wo Kinder spielten. Wir haben eiserne Mägen, wir können jedes Gift leicht verdauen. Unsere Herzen sind aus kaltem Stahl. Wir haben mit niemandem Mitleid.

„Cast Lead“ war unser 2. Krieg der Unabhängigkeit. Im ersten befreiten wir uns selbst von 2000 Jahren Leben unter der Kontrolle anderer. Im zweiten befreiten wir uns von den Fesseln des jüdischen Erbes und der jüdischen Moral, die uns jahrelang gehalten hat. Nun müssen wir uns nicht mehr an die Verbote halten, die Gerechten mit den Gottlosen zu töten. Wir sind von den Lektionen befreit, dass wir ein besetztes Volk ohne Rechte sind. Die unvermeidlichen Einblicke derjenigen, die zum Schweigen gebracht worden sind, sind gelöscht worden und durch Haltungen, die Untermenschen vorbehalten sind, ersetzt worden.

In der Vergangenheit haben wir einige moralische Imperative überschritten, aber dann versicherten wir uns, dass wir es uns nicht eingestanden haben. Bei dieser Gelegenheit entschieden wir, dass die Zeit für Täuschungen vorbei ist. Wir haben der Welt und uns genug Lügen erzählt. Ab jetzt werden wir die Wahrheit sagen: der jüdische Staat ist der Meinung, dass die Gesetze des Krieges in einer Weise geändert werden müssen, dass das Risiko für die Kämpfenden verringert wird, selbst wenn dies ein Risiko für die Zivilisten bedeutet. Der jüdische Staat glaubt, dass auf diese neue Art des Krieges es erlaubt, ja sogar nötig sei, Elektrizitätswerke zu bombardieren, die Hunderttausende von Zivilisten versorgen. Es ist erlaubt, die Nahrungsmittelinfrastruktur zu zerstören und Schulen und Moscheen zu vernichten. Und der jüdische Staat wird keine Kritik tolerieren - weder von innen noch von außen.

Die neue Handlungsfreiheit wurde auch gegen israelische oppositionelle Stimmen angewandt.

Bei einer beispiellosen Maßnahme verhaftete die israelische Polizei Hunderte von Demonstranten gegen den Krieg. Der IDF-Sprecher, ein Offizier in Uniform organisierte eine Kampagne der Verleumdung und der Delegitimierung gegen Organisationen, die wagten, die militärischen Aktionen zu kritisieren. Der Außenminister bemühte ich darum, die finanziellen Quellen dieser Organisationen auszutrocknen. Moralischer Verfall verschlingt jeden: die Kommandeure, die die Befehle gaben, die Kämpfer, die die Befehle ausführten, die Anwälte, die sie für legal erklärten, die Akademiker, die sich schweigend verhielten und die Presse, die die Flammen des Krieges anheizten und dem IDF-Sprecher so ergeben waren, dass sie zu einer Einheit in einer Brigade unter seinem Kommando wurden.

Diese Prozesse haben einen Preis. Sie führen zum Verlust des Glaubens in die Fähigkeit der israelischen Gesellschaft, die Stärke zu finden, zu den Werten zurückzufinden, auf denen sie geschaffen wurde. Sie erzeugen äußeren Druck, internationale Untersuchungen, strafrechtliche Verfolgungen im Ausland, Boykotts und Sanktionen. All dies hat jetzt eine legale moralische Grundlage, auf der dies gedeihen kann. Und wir, die so süchtig nach Freiheit sind, einen leichten Finger auf dem Abzug zu haben, denken nicht einmal daran, diese Gewohnheit aufzugeben.

Quelle: Truth cast in lead אמת יצוקה

Originalartikel veröffentlicht am 27.12.2009

Über den Autor

Ellen Rohlfs ist eine Mitarbeiterin von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, die Übersetzerin als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=9715&lg=de

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