Sonntag, 1. März 2015

Israel galoppiert in den nächsten Krieg in Gaza

Gideon Levy جدعون ليفي גדעון לוי
Übersetzt von Inga Gelsdorf
Israel eilt auf die nächste gewalttätige Auseinandersetzung mit den Palästinensern zu, so, als ob es eine Art Naturkatastrophe wäre, die sich nicht vermeiden lässt
Der nächste Krieg wird im Sommer ausbrechen. Israel wird ihm einen anderen kindischen Namen verpassen, und er wird in Gaza stattfinden. Es gibt bereits einen Plan, um die Gemeinden entlang der Grenze zum Gazastreifen zu evakuieren.

Israel weiß, dass dieser Krieg ausbrechen wird, es weiß auch, weshalb – und es ist blindlings dabei dort hinein zu galoppieren, als sei es ein zyklisches Ritual, eine periodische Zeremonie oder eine Naturkatastrophe, die sich nicht vermeiden lässt. Hier und da empfindet man sogar Begeisterung.

Laila Shawa (Palästina), Paradiesvögel, 2011.
Fotografie und Mischtechnik auf Leinwand
170 x 95cm. (Bild entnommen Tlaxcala)
Es spielt keine Rolle, wer Premierminister ist und wer Verteidigungsminister ist – es gibt keinen Unterschied zwischen den Kandidaten, sofern Gaza betroffen ist. Isaac Herzog und Amos Yadlin sagen natürlich nichts und Tzipi Livni prahlt damit, dass dank ihr kein Hafen in Gaza geöffnet wurde. Der Rest der Israelis sind nicht an Gazas Schicksal interessiert. Deshalb wird es bald (wieder) gezwungen sein, sie an sein Desaster zu erinnern mithilfe des einziges Mittels, das ihnen geblieben ist, den Raketen.

Gazas Desaster ist haarsträubend. Keinerlei Erwähnung darüber im israelischen Diskurs und bestimmt nicht während der dümmsten, hohlsten Wahlkampagne, die es je hier gegeben hat. Man kann es kaum glauben, aber die Israelis haben eine Parallelwirklichkeit erfunden, abgeschnitten von der tatsächlichen, eine herzlose, gefühllose, verneinende Realität, während all dieses Elend, das meiste davon durch ihr eigenes Handeln, sich gar nicht weit von ihren Häusern entfernt abspielt.

Babys sind im Schutt ihrer Häuser erfroren, Jugendliche riskieren ihr Leben und überqueren den Grenzzaun, nur um eine Portion Nahrung in einem israelischen Gefängnis zu bekommen. Hat das jemand gehört? Kümmert sich jemand darum? Versteht irgendjemand, dass dies zu dem nächsten Krieg führt?

Salma lebte nur 40 Tage, wie die Ewigkeit eines Schmetterlings. Sie war ein Baby aus Beit Hanoun im Nordosten des Gazastreifens, das letzten Monat an Unterkühlung starb, nachdem ihr dünner Körper dem Wind und dem Regen ausgesetzt war, der durch die Hütte aus Sperrholz und Plastik eingedrungen war, in der sie mit ihrer Familie lebte, seitdem ihr Haus zerbombt worden war.

“Sie war gefroren, wie Eiskrem“, sagte ihre Mutter über die letzte Nacht des Leben ihres Kindes. Der UNWRA-Sprecher Chris Gunness schrieb über Salma letzte Woche in der englischen Zeitung, The Guardian. Ihre Mutter, Mirwat, sagte ihm, dass sie, als sie geboren wurde, 3,1 kg gewogen hat. Ihre drei Jahre alte Schwester, Ma’ez, wurde mit Frostbeulen ins Krankenhaus eingeliefert.

Ibrahim Awarda, 15, der seinen Vater in einem israelischen Bombenangriff im Jahr 2002 verloren hat, hatte mehr Glück. Er beschloss, den Zaun zwischen Gaza und Israel zu überqueren.. “Ich wusste, ich würde verhaftet werden“, sagte er dem Reporter der New York Times in Gaza letzte Woche. “Ich sagte zu mir selbst, vielleicht werde ich ein besseres Leben finden. Sie gaben mir gutes Essen und dann warfen sie mich raus - zurück.”

Ibrahim wurde über einen Monat in zwei Gefängnissen in Israel gehalten, bevor er wieder in Zerstörung, Elend, Hunger und Tod zurückgestoßen wurde. Dreihundert Gazaner ertranken im letzten September im Meer, in einem verzweifelten Versuch, den Gefängnisstreifen zu verlassen. Vierundachtzig Gazaner wurden von der israelischen Verteidigungsarmee in den letzten sechs Monaten inhaftiert, nachdem sie versuchten, in Israel einzudringen, die meisten von ihnen, um aus der Hölle zu fliehen, in der sie leben. Weitere neun wurden diesen Monat inhaftiert.

Atiya al-Navhin, 15, hat auch versucht, in Israel einzudringen im November, nur um seinem Schicksal zu entfliehen. Er wurde von IDF-Soldaten angeschossen, in zwei israelischen Krankenhäusern behandelt und im Januar nach Gaza zurückgeschickt. Jetzt liegt er gelähmt und unfähig zu sprechen bei sich Zuhause.

Einige 150,000 heimatlose Menschen leben in Gaza und 10.000 Flüchtlinge in UNRWA-Unterkünften. Das Budget der Organisation wurde ausgegeben, nachdem die Welt ihre Verpflichtung vollkommen ignoriert hat, 5,4 US Dollar als Beitrag zu leisten, um Gaza aufzubauen. Die Verpflichtung, die Aufhebung der Blockade in Gaza zu verhandeln – der einzige Weg, um den nächsten Krieg zu vermeiden und den danach – wurde auch nicht eingehalten. Niemand spricht darüber. Es ist nicht interessant. Es gab einen Krieg, Israelis und Palästinenser wurden dabei getötet für nichts und wider nichts! Lasst uns in den nächsten Krieg ziehen.

Israel wird wieder behaupten, überrascht und beleidigt zu sein – die grausamen Araber greifen es wieder mit Raketen an, ohne jeglichen Grund.

Danke Tlaxcala
Quelle: http://www.haaretz.com/opinion/.premium-1.644219
Erscheinungsdatum des Originalartikels: 26/02/2015
Artikel in Tlaxcala veröffentlicht: http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=14301