Mittwoch, 27. August 2014

Nur die halbe Wahrheit

Mowitz
Jürgen Trittin, grüner Außenminister im Wartestand, hat dem Fußball-Weltmeisterschafts-Ausrichter 2022, Katar, vorgeworfen, radikale Islamisten zu unterstützen. So als gäbe es das Imperium in diesem Zusammenhang nicht. So wenig wie Europa, machen auch die Wüstenscheichs nichts von Bedeutung, ohne vorher dazu von Washington beauftragt worden zu sein und grünes Licht bekommen zu haben. Das würden sie nicht überleben. Das gilt ebenso für die Köpfungsfetischisten Saudi-Arabiens und anderer Vasallen. Am Ende müssen die Details, wie finanzielle Unterstützung, Training und Ausbildung an und mit Waffen, von Washingtons Mädchen für alles, der CIA, genehmigt und beaufsichtigt werden. Auch die beabsichtigte Waffenlieferung Deutschlands an die bisher in Deutschland als 'Terrororganisation' eingestufte Peschmerga wird nicht ohne direkte Aufforderung Washingtons geschehen können. Es müsste aber einem grünen Außenminister im Wartestand bekannt sein, dass
"der ISIS* keine eigenständige Organisation ist. Er ist ein Geschöpf der US-Geheimdienste und wird als deren Instrument zur verdeckten Kriegsführung eingesetzt.

Das eigentliche Ziel dieses von den USA und der NATO inszenierten Konflikts zwischen der Al-Maliki-Regierung und den ISIS-Rebellen ist die Destabilisierung und Zerschlagung des irakischen Nationalstaates. Dieser Prozess ist Teil einer von Geheimdiensten gesteuerten Operation, durch die Staaten in (frei verfügbare) Territorien verwandelt werden sollen. Die Zerschlagung des Iraks entlang konfessioneller (und ethnischer) Trennlinien ist ein langfristig angelegter fester Bestandteil der Politik der USA und ihrer Verbündeten.


Der ISIS* soll mit seinem Kalifat-Projekt einen sunnitischen islamistischen Staat schaffen. Dabei handelt es sich nicht um ein Projekt der sunnitischen Bevölkerung des Iraks – die zog schon immer eine weltlich ausgerichtete Regierungsform vor. Das Kalifat-Projekt wurde in den USA entwickelt. Die Fortschritte der ISIS-Rebellen sind gewollt; sie sollen in der sunnitischen Bevölkerung breiten Widerstand gegen die Al-Maliki-Regierung wecken.

Mit der verdeckten Unterstützung des ISIS* will Washington sein eigenes Marionettenregime in Bagdad stürzen. Dabei geht es weder um einen "Regimewechsel" noch um die "Ersetzung" des Al-Maliki-Regimes.

Es geht nur um die Aufspaltung des Iraks entlang konfessioneller und ethnischen Trennungslinien, die auf Reißbrettern im Pentagons seit mehr als 10 Jahren geplant wird.

Washington beabsichtigt den Sturz des Bagdader Regimes und die Auflösung aller Institutionen der Zentralregierung; anschließenden soll eine politische Aufsplitterung erfolgen und der einheitliche Nationalstaat Irak von der Landkarte getilgt werden." Professor Michel Chossudovsky: Inszenierte Zerstörung und politische Zersplitterung des Iraks: Die USA sponsern die Schaffung eines islamistischen Kalifats

FH

* Hinweis
Seit Ende Juni 2014 nennt sich die Organisation ISIS, (Islamischer Staat im Irak und Syrien), nur noch Islamischer Staat, (IS).

Freitag, 22. August 2014

Washington hat im Irak das Tor zur Hölle aufgestoßen: Und jetzt sind die Furien losgelassen!

David Stockman, der lange Jahre für die Republikaner im US-Repräsentantenhaus saß, sieht in der verfehlten Irak-Politik der USA und des gesamten Westens die Hauptursache für das Erstarken des ISIS.

Von David Stockman
David Stockman's CONTRA CORNER, 01.08.14

Von Chalmers Johnson, dem (2010) verstorbenen, bedeutenden Kritiker des US-Imperiums, stammt der treffende Begriff des "Blowback" (der nicht erwarteten negativen Rückwirkung unbedachter Maßnahmen). Damit meinte er, dass jeder Staat, der andere Staaten mittelbar oder unmittelbar bombardiert, mit Drohnen angreift, überfällt, verwüstet oder deren Bevölkerung abschlachtet, damit rechnen muss, dass ihm das eines Tages heimgezahlt wird.

Aber selbst Johnson konnte sich das gewaltige "Blowback" nicht vorstellen, das jetzt mit ungeheurer Wucht auf Washington zurückschlägt. Dabei geht es vorrangig um das Chaos, das zur Zeit in weiten Teilen des Iraks mit Panzern, Schützenpanzern, schwerer Artillerie, Flugabwehrbatterien und anderen modernen Waffen aus den USA angerichtet wird, die in die Hände der radikalen Dschihadisten gefallen sind, die Washington angeblich in seinem Billionen Dollars verschlingenden "Krieg gegen den Terrorismus" bekämpft hat.

Es steht außer Frage, die ISIS-Terroristen werden nicht nur das glücklose irakische Militär, sondern auch die gefürchteten kurdischen Peschmerga-Kämpfer besiegen, weil sie über einige der todbringendsten Waffen verfügen, die der militärisch-industrielle Komplex der USA je entwickelt hat.

Das hätte eigentlich nicht passieren dürfen. In den blutigen Jahren nach George W. Bushs (voreiliger) Erklärung "Mission accomplished" (Auftrag erfüllt!) wurde das irakische Militär mit diesen Waffen ausgerüstet und daran ausgebildet, um sich selbst und den Irak verteidigen zu können. Die US-Streitkräfte waren angeblich nicht dazu da, das Land zu "besetzen", sondern um die Bevölkerung, die sie "befreit" hatten, bei der Umwandlung ihres Staates in eine "selbstverwaltete Demokratie" zu unterstützen, die sich eigenständig um ihre innere und äußere Sicherheit kümmern sollte. Führende Politiker Washingtons – einschließlich des Präsidenten Obama – haben das in zahlreichen Reden immer wieder versichert. Das können Sie nachschlagen!

Leider, leider war der Irak noch nie ein einheitlicher Staat. Schon die Osmanen wussten, dass Schiiten, Sunniten und Kurden nicht in einem Parlament sitzen, sich einer Polizei unterordnen und schon gar nicht gemeinsam in einer Armee dienen wollen.

Deshalb blieb es den Außenministern Großbritanniens und Frankreichs vorbehalten, 1916 die im Sykes-Picot-Abkommen vereinbarten Grenzen zu ziehen und sich der historischen Illusion hinzugeben, dass sie damit den Staat Irak geschaffen hätten. Ihre Nachfolger installierten eine ganze Reihe korrupter und brutaler Herrscher, die Könige oder Generale waren, und hievten sogar Saddam Hussein an die Macht, der innerhalb der künstlichen Grenzen ein labiles, blutgetränktes Regime aufrechterhielt.

Dann kamen die US-Neocons und mischten sich aus unerfindlichen Gründen – angeblich zum Schutz der nationalen Sicherheit der USA – im Irak ein. Warum, bei Gott, wollten sie einen Regimewechsel? Sie hatten (in Saddam Hussein) einen zuverlässigen, bis an die Zähne bewaffneten Verbündeten, der ihnen nicht nur 6 Millionen Barrels Öl pro Tag lieferte, sondern auch einen Staat auf der "Achse des Bösen" blockierte – die iranische schiitische Theokratie, die auch noch mit dem größten religiösen Block der irakischen Bevölkerung, den Schiiten, versippt war.

Karte Wikimedia, CC
Ungefähre Lage der Levante im engeren Sinne
Damit öffneten diese Narren das Tor zur Hölle. Durch die 20-jährige Kampagne Washingtons zur "Befreiung" des Iraks, die mit dem ersten Golfkrieg (unter Vater Bush) begann, mit den verheerenden Handelssanktionen der 1990er Jahre fortgesetzt wurde, in dem brutalen "Shock and Awe" (Schock und Entsetzen) verbreitenden Überfall des zweiten Bush einen vorläufigen Höhepunkt fand und in den folgenden Jahren zur Verwüstung des ganzen Landes führte, brachen alle latenten ethnischen und religiösen Konflikte und Feindseligkeiten, die jahrzehntelang durch das illusionäre Sykes-Picot-Staatsgebilde unterdrückt worden waren, wieder auf.

Jetzt sind die Furien losgelassen. Ironischerweise besteht der blutrünstige ISIS (dazu unbedingt hier lesen!) überwiegend aus Kämpfern, die im Rahmen der vom (jungen) Bush durchgeführten bescheuerten Aktion "Surge" (Woge) rekrutiert wurden. Die CIA hat sie für die Kampagne gegen Assad (in Syrien) noch besser bewaffnet und ausgebildet, und weil der Isis die Waffenlager der irakischen Armee geplündert hat, verfügt er jetzt über die besten Waffen, die eine zusammengewürfelte dschihadistische Gruppierung jemals hatte.

Und nun schickt der "Friedens"-Präsident wegen einer "humanitären Krise" wieder Bomber in den Irak, weil eine religiöse Sekte, die kaum ein US-Bürger vorher kannte, in die Berge fliehen musste. Deren Schicksal hat aber nichts mit der Sicherheit der Bürger von Lincoln in Nebraska oder von Spokane im Staat Washington zu tun.

Hat die US-Kriegsmaschinerie nicht ganz Mesopotamien und die Levante in ein einziges zusammenhängendes "humanitäres Krisengebiet" verwandelt, von dem das jüngste Krisengebiet nur ein winziger Teil ist? Wäre es nicht an der Zeit, endlich einmal mit dem Bombardieren aufzuhören, damit das "Blowback" nicht noch schlimmer wird?

Übersetzung Wolfgang Jung, luftpost-kl.de


Wichtige Artikel zum Thema:

Gegenmeinung: Inszenierte Zerstörung und politische Zersplitterung des Iraks: Die USA sponsern die Schaffung eines islamistischen Kalifats.....
Gegenmeinung: Israel und Libyen: Afrika soll auf »Kampf der Kulturen« vorbereitet werden.....
Chalmers Johnson: Drei gute Gründe, unser Imperium zu liquidieren, und zehn Schritte, die dazu notwendig sind.....

Montag, 18. August 2014

"Schmutziges Wasser" zur Unterdrückung der Proteste in Ost-Jerusalem

Florence Beaugé
Übersetzt von  Doris Pumphrey
Seit drei Wochen sind die Palästinenser von Ost-Jerusalem einer kollektiven Strafe ganz neuer Art ausgesetzt: dem "schmutzigen Wasser", wie man es hier nennt. Nach jeder Demonstration – und seit den Ereignissen in Gaza wird fast jeden Abend im östlichen Teil der Heiligen Stadt demonstriert – fährt ein weißer Lastwagen durch die Gegend und versprüht eine geheimnisvolle, übel riechende Flüssigkeit. Alles wird davon imprägniert: die Fassaden der Häuser und Gebäude, die Fenster, Gehsteige, Straßen, Büsche, Blumen… Was enthält diese Flüssigkeit? Keiner weiß es und die israelische Polizei hüllt sich in Schweigen. Der Geruch, der von dem "schmutzigen Wasser" ausgeht, reizt die Nase. Sie klebt and Kleidung und Haut und man bekommt sie zwei bis drei Tage nicht wieder weg.

In Souaneh, einem der "heißen" Gegenden in Ost-Jerusalem, verhüllen sich die Fußgänger ihr Gesicht oder halten sich die Nase zu. Niemand treibt sich auf den Straßen herum. Ist es das, was diese kollektive Bestrafung bezweckt? Ohne Zweifel. Indem sie die Menschen zwingt, sich zuhause einzusperren, hofft die Polizei jede weitere Demonstration zu verhindern. Das Problem ist allerdings, dass das "schmutzige Wasser" nicht nur die Fassaden verunreinigt. Es dringt in die Wohnungen ein, klebt an Vorhängen, Teppichen und Kissen und macht das Leben für die Palästinenser noch unerträglicher und demütigt sie noch mehr. "Wer sind wir, dass man uns mit Insektiziden wie Ratten und Mücken behandelt?" fragt zornig Mounir, der um seine Kinder besorgt ist.

Nahla, seine Nachbarin von gegenüber, verbirgt nicht ihre Verzweiflung und Müdigkeit. "Ich habe alles versucht, um diesen Geruch aus dem Haus zu entfernen, flüssige Seife, Essig, Chlor, nichts hilft…", seufzt sie und betont wie unerbittlich die Situation ist: Mitten im Ramadan, musste sie, während sie fastet und keinen Tropfen trinkt, Unmengen von Wasser auf ihre Veranda, die Treppen, die Fliesen schütten…

Ein paar Kilometer entfernt, erleidet der Stadtteil Issaouia ebenso regelmäßig diese kollektive Bestrafung. Faouzi, der Lebensmittelhändler und Bäcker musste mehrmals seine Vorräte wegwerfen. "Vor drei Wochen hab ich die Jugendlichen, die Steine warfen und den Müll auskippten, beschimpft: 'Ihr provoziert die Soldaten und bringt uns Ärger. Geht woanders hin!' Jetzt sag ich nichts mehr zu ihnen. Im Gegenteil. Ich hab die Nase so voll von Israel, dass ich meinen Nachbarn sage "Lasst sie nur machen…"

Anm. von Tlaxcala: Dieses Stinkwasser, „skunk water“ genannt, wird von israelischen Militärs und Polizisten seit 2004 gegen Demonstranten, aber auch ausländische Journalisten eingesetzt. Hier drei Bilder:

Quelle: Tlaxcala