Donnerstag, 21. Mai 2015

Odessa, 2. Mai 2015: Gedenkfeier an das Massaker des 2. Mai 2014 im Gewerkschaftshaus

Monika Karbowska Моника Карбовска
„Bitte sagt die Wahrheit, vor allem sagt die Wahrheit, die ganze Wahrheit! Unsere Kinder waren ordentliche Leute! Keine Penner oder Außenseiter. Im Gegenteil: Sie waren Informatiker, Lehrer, Dichter, Journalisten, Designstudenten. Sagt die Wahrheit, sonst werden euch die Faschisten auch holen. Und ihr werdet nicht entkommen, glaubt nur nicht, dass ihr entkommen werdet!“

Ich bin so erschüttert, dass es mir unmöglich scheint, noch am selben Abend zu schreiben, hier in Odessa, als ich zusammen mit den Mitgliedern der ausländischen Delegation vom Koulikovo Pole-Platz zurückkehre. Der Einladung des Komitees der Mütter von Odessa folgend, haben wir uns an der Demo beteiligt, die im Andenken an die Opfer des Massakers vom vergangenen 2. Mai organisiert wurde.

Es ist so wichtig, all dies mitzuteilen, und deswegen schreibe ich nun direkt nach der Demo, weil die EinwohnerInnen von Odessa sich hier, im Herzen Europas, allein und im Stich gelassen fühlen. Und auch, weil ich heil zurückkommen will aus jener Ukraine, wo die Natur so schön, die Menschen aber manchmal so grausam sind.


Ich will also mit einer glücklichen, hoffnungsvollen Erfahrung anfangen. Im vergangenen März habe ich zusammen mit zwei AktivistInnen aus Odessa, Alek und Irina, der Eröffnungsveranstaltung des WSF in Tunis beigewohnt. Nur weil wir zwei kleine Plakate «Stop war in Ukraine» und «Odessa, never forget» hochhielten, haben sich sehr viele arabisch sprechende und afrikanische AktivistInnen für uns interessiert und Mitgefühl gezeigt. Sie kamen und befragten uns, sagten auch, wie gut sie uns verstanden, wie gut sie die Manipulationen der westlichen Mächte kannten, die Bürgerkriege schüren, um Länder zu unterjochen, und wie offenkundig die Aggressivität des westlichen Imperialismus überall in der Welt ist. Saudi-Arabien hatte gerade Jemen überfallen und die Ukraine gehörte offensichtlich zu den Zielen der Zerstörungskriege innerhalb des Chaos, das die USA säen.

Die AktivistInnen konnten auf einer besonderen Veranstaltung, dem Widerstandsforum in Sousse, das unsere tunesischen FreundInnen vom 26. bis 29. März organisiert hatten, die Bilder vom Massaker in Odessa zeigen und die Lage in der Ukraine erklären. Dann haben befreundete Journalisten als letztes Geschenk eine bedeutende Pressekonferenz im Maison des Syndicats de Journalistes (Gewerkschaftshaus der Journalisten, AdÜ) in Tunis organisiert – ein Ort, der berühmt ist für den Kampf um Meinungsfreiheit, den die TunesierInnen unter der Diktatur geführt haben. Wir haben die Wände des Konferenzsaals mit 10 Fototafeln bzw. Erläuterungen in französischer Sprache behängt, die wir von der KP Vénissieux, nahe Lyon geliehen hatten. Wir hatten auf Facebook Drohungen erhalten. Auf russisch und ukrainisch drohten der ukrainischen Botschaft nahe stehende Faschisten mit einem Angriff auf das Maison des Syndicats des Journalistes: Sie wollten die Ausstellung zerstören und die am 30. März angesetzte Pressekonferenz verhindern. Die TunesierInnen aber waren nicht gewillt, sich so was gefallen zu lassen; an diesem Tag waren die Cafés in der Nähe der Avenue de la Liberté übervoll mit AktivistInnen, die bereit waren, das Maison des Journalistes zu verteidigen. Die TunesierInnen hatten sich vor Ben Alis Polizei nicht gefürchtet, vor Pravy Sektor wollten sie erst recht nicht klein beigeben! Zudem warteten Fans des Fußballklubs Attaraji arriadhi altounsi/Espérance Sportive de Tunis bestens vorbereitet auf die Faschisten; sie waren überglücklich, sich mal austoben zu können! Daher schickten unsere Feinde uns ... Frauen.


Drei Mitarbeiterinnen der ukrainischen Botschaft versuchten, die Pressekonferenz durcheinander zu bringen, indem sie laut brüllten, dem Journalisten aus Odessa ins Wort fielen, als er die Unterdrückung der Ausdrucksfreiheit in der Ukraine anprangerte. Die tunesischen OrganisatorInnen wagten es nicht, sie zum Schweigen zu bringen; sie schrien, man beschränke ihre Redefreiheit, wobei sie tatsächlich versuchten, die unsere zu unterdrücken. Aber wir haben es doch geschafft. Wir haben verlangt, dass sie arabisch bzw. französisch sprechen, oder gedolmetscht werden. Eigentlich soll keine/r in Tunesien ihre „Landessprache“ können. Sie aber forderten, diese Sprache zu benutzen, weil sie das Russisch der Odessaer nicht hören wollten, obwohl die russisch sprechenden TunesierInnen dann dolmetschten.

Wir haben es geschafft. Wir haben gesprochen, sie ebenfalls, sie haben mit dem Brüllen aufgehört. Eine ernsthafte Debatte entspann sich zwischen den anwesenden, in Tunesien lebenden RussInnen und russisch Sprechenden, vor allem Frauen, und den tunesischen Journalisten. Die Freiheit und die Wahrheit hatten gesiegt. Wir standen nicht mehr alleine da.

Mehrmals dachte ich an diesen Erfolg des Internationalismus auf meiner anschließenden Reise durch die Balkanländer mit der Feministischen Karawane: Bulgarien, Kosovo, Serbien, die lesbisch-feministische Demo in Belgrad, Unterstützung der Gewerkschafterinnen im bosnischen Tuzla, Sarajevo, Zagreb und Budapest. Ich denke, dass die unermüdliche Mobilisierung der TunesierInnen uns den Weg weist: durch ihre urbane Kultur, die Organisation eines Raums für die AktivistInnen in den Cafés, Gewerkschaften und Kulturzentren, ihren Sinn für konkrete und sofortige praktische Solidarität. Ja, eben das brauchen wir in unserem gespaltenen, zerstückelten, zergliederten Osteuropa, wo jede/r sich allein und isoliert fühlt gegenüber dem System und der Gefahr.

Ich dachte wieder daran, als ich auf dem Weg von Rumänien und der Ukraine nicht nur die Grenze überqueren, sondern auch drei militärische Checkpoints passieren musste, die deutlich zeigten, dass es in Ukraine einen Krieg gibt, und bei uns auch. Ich war sehr beunruhigt. Was wäre, wenn ich in die Ukraine nicht einreisen dürfte, oder der SBU [Sluschba bespeky Ukrajiny, Sicherheitsdienst der Ukraine, Inlandsgeheimdienst] mich einem Verhör unterziehen würde, wie es einem italienischen Journalisten der Delegation passiert ist. Schließlich darf der ukrainische Staat Leuten, die er als Feinde betrachtet, die Einreise verweigern, nicht wahr? Wenn aber der Bus durch die paramilitärischen Faschisten des Pravy Sektor auf offener Strecke angehalten würde, was oft der Fall ist, wer würde mich dann schützen? Wie wehrt man eine diffuse, aber doch tatsächliche Lebensgefahr ab?

In Odessa herrschte eine bedrückende Stimmung, trotz des herzlichen und aufmerksamen Empfangs unserer FreundInnen. Zu unserer ausländischen Delegation zählten deutsche, schwedische und belgische Journalisten sowie ein italienischer antifaschistischer Aktivist und ich selber, als Vertreterin der FranzosInnen und PolInnen zusammen. Am Morgen des 2. Mai haben uns die Organisatorinnen, sämtlich Frauen, über Umwege zu einem geheimen Ort in einer Privatwohnung geführt, wo wir unsere Pressekonferenz abgehalten haben. Dort erfuhren wir, dass Viktoria, die Organisatorin der Demo und Aktivistin des Komitees der Opferfamilien, nicht da war. Sie war zu einem SBU-Verhör geführt worden, bezüglich der Anwesenheit ausländischer Journalisten, die als gefährliche Terroristen gelten. An ihren Platz trat ein französisch sprechender Aktivist, der uns bat, seinen Namen nicht öffentlich bekannt zu machen und sein Gesicht weichzuzeichnen. Sehr viele ukrainische BürgerInnen, die der Poroschenko-Regierung kritisch gegenüberstehen und ihn für einen Usurpator halten, scheuen sich davor, ihre Meinung zu äußern, aufgrund der Gefahr, als Separatisten und Terroristen verhaftet zu werden. Der Bruch zwischen der Regierung in Kiew und einem ansehnlichen Teil der Bevölkerung in der südöstlichen Ukraine ist nun Fakt; man kann den Leuten zwar das Reden verbieten, aber nicht verhindern, dass sie anders denken. Jedoch verstecken sich nun viele Menschen, die sich den „Anti-Maidan“-Leuten nahe fühlen, aus Angst, sie könnten ihren Arbeitsplatz verlieren, verhaftet oder von den faschistischen Handlangern verprügelt oder gar getötet werden, insbesondere die vielen Kultur-, Universitäts-, Schul- und MuseumsbeamtInnen, die doch Odessas Reichtum ausmachen und die HüterInnen des kulturellen Erbes und der Identität der Stadt sind.

Es ist ein komisches Gefühl, diese Unterdrückung an einem Ort zu sehen, der so nahe an der EU ist, in dieser Stadt mit einer herrlichen Architektur und glanzvollen Vergangenheit. Es ist beängstigend zu sehen, wie der angeblich „europäische Maidan“ eine Diktatur hervorgebracht hat – der krasse Gegensatz zu den europäischen Werten der Meinungsfreiheit, auf denen der Westen sonst so hochtrabend pocht.

Bei der Pressekonferenz erfahren wir von der aktuellen Lage im Zuge des Massakers vom 2. Mai: immer noch keine verlässliche Ermittlung zur Auffindung und Bestrafung der Täter dieses Massenmordes, immer noch sind 100 Überlebende verhaftet. Im Gefängnis erhalten diese Häftlinge weder Essen noch Kleidung und Decken. Das Mütterkomitee sammelt Spenden für jene, die keine Familie haben bzw. über keine Mittel verfügen. Diese Menschen, die man ruhig als politische Gefangene bezeichnen darf, wissen nicht genau, welche Anklagen gegen sie erhoben werden, daher können sie sich nicht verteidigen, und wissen nicht mal, wann das Verfahren gegen sie eingeleitet bzw. beendet werden soll. Die „Antiterrorgesetze“ erlauben es den Behörden in Kiew, das westliche Dekorum der Menschenrechte völlig zu ignorieren.

Die Mörder vom 2. Mai hingegen, deren Gesichter auf vielen Fotos gezeigt werden, bleiben unbehelligt. Nur wurden einige von ihnen, wie der Mörder „Sotnik Mikola“ oder der Abgeordnete Gontscharenko, der auf den Fotos der Leichen stolz posierte, für paar Tage verhaftet, nach dem weit entfernten Scherson gebracht und dann wieder frei gelassen. Selbst Andrej Hunko, EU-Abgeordneter der Linken, konnte von den ukrainischen Behörden nur ausweichende Antworten erhalten, als er sich in Begleitung von Juristen aus dem Europarat nach dem Stand des Gerichtsverfahrens erkundigte.


Die Autorin vor einem Denkmal der Soldaten der Roten Armee,
die bei der Verteidigung von Odessa gegen die Nazis umkamen.
Nun droht seine Zerstörung durch das Kiew-Regime.
Die Stimmung ist noch bedrückender als im vergangenen Jahr, denn nun wagen die Opferfamilien es nicht mehr, etwas zu fordern, aus Angst, des „Separatismus“ bezichtigt zu werden. Das neue Gesetz über das Verbot der kommunistischen Symbole, Hammer und Sichel, der sowjetischen Hymne, der Internationale und des Sankt Georgs-Bands, das antifaschistische Symbol par excellence, hat schon zur Unterdrückung der Demo vom Ersten Mai geführt, die mittlerweile verboten ist – während sie unter Janukowitsch problemlos organisiert werden konnte. Ich sorge mich um die 7 antifaschistischen Denkmäler zur Ehre der Roten Armee und des sowjetischen Widerstands gegen die Nazis, sowie um das Militärmuseum, wo die ganze Geschichte des antinazistischen Widerstands zu finden ist: Werden nicht auch sie durch dieses Gesetz von Zerstörung bedroht? Noch vor einem Jahr schien es unvorstellbar, heute aber schon möglich. Die paramilitärischen Faschisten gehen ja in die Schulen rein, und entfernen alle Andenken, die die Veteranen gemäß der sowjetischen Tradition hierher zur Bildung der Jüngeren legten, sagt unsere Freundin Elena.

Die heutige Demo wurde nicht verboten, aber sie war von einem dreifachen militärischen und polizeilichen Sicherheitsapparat umstellt, der um den Kulikowo Pole-Platz stand und den Zugang versperrte. Um durch die Sperre gehen zu dürfen, musste man Tasche und Ausweis zeigen. Trotzdem drängten tausende Menschen mit Blumensträußen dorthin. Die Blumensträuße sind ein angemessenes Symbol des Widerstands. Die Fahnen und „politischen“ Parolen sind nämlich verboten. Nur eine religiöse Zeremonie wurde genehmigt. Doch die Blumen ersetzten Parolen und Fahnen: Jede/r TeilnehmerIn trug einen Strauß roter Nelken, mit schwarzem Flor verziert, rote Tulpen, ein Armvoll weißer und lila Flieder, als Symbole für Leben und Wiedergeburt. Diese Berge von Blumen wurden von der immer zahlreicheren Menge dorthin getragen und am Fuß der drei Denkmäler vor dem Gewerkschaftshaus abgelegt. Vier Bäume wurden mit Blumen und Blumenkronen verziert, um sie herum standen Zeichnungen und Gemälde, die die MärtyrerInnen vom 2. Mai darstellen. Blumenkompositionen flankieren ihre Bilder und die in Schwarz gedruckten Namen. Eine sehr rührende naive Malerei zeigt einen Seemann aus Odessa, wie er vor dem niederbrennenden Gewerkschaftshaus den faschistischen Drachen niederschlägt und von den kleinen Leuten aus Odessa angespornt wird. Andere Malereien zeigen die Seelen der Opfer, die wie Tauben oder Flammen um das Gewerkschaftshaus in den Himmel fahren; ein schwarz und orangefarbener Kranz als Siegessymbol.

Überall ist die Symbolik des Sankt-Georgs-Bandes zu lesen: schwarz-orangefarbene Blumenkompositionen hängen an der Mauer, die das niedergebrannte Gewerkschaftshaus vom Platz trennt, mitten unter den Fotos der Getöteten. Männer tragen orange und schwarz gestreifte Jacken oder T-Shirts. Ein Frau, ganz in Schwarz gekleidet, hat ihr Haar orange gefärbt. Nichts wurde dem Zufall überlassen.

Es muss erinnert werden, dass wir eine Trauerfeier begehen, das Schwarz ist überall vorherrschend.

An der Mauer reihen sich die Bilder der Ermordeten aneinander: Auf jedem Foto lächelt ein Mensch in den besten Jahren auf seinem Hochzeitsbild, bei einem Hobby, in einer vertrauten Landschaft... Auf einer Tafel wird das ganze kurze Leben eines jungen Mannes gezeigt: Fotos als Baby, in der Vor- und Grundschule, von seinen Kumpels, zusammen mit seiner Verlobten, bei der Berufsarbeit und den Hobbys ... ein abrupt dahingerafftes Leben.

Ich begleite meine Freundin Elena und die FreundInnen, die Blumensträuße zur Erinnerung an den jungen Andrej, Elenas Sohn, legen, diesen schönen jungen Mann, den ich nie mehr lebendig sehen werde und mit dem ich nie mehr sprechen werde. Seine Verlobte steht neben mir, eine schöne, würdige, stolze junge Frau; sie zündet die besondere Kerze an, die in Osteuropa auf Gräber gestellt wird.

Wir halten unsere Tränen und unseren Zorn zurück. Aber zwischen den Kirchenliedern, die in der einen Ecke der Demo zu hören sind und den säkularen Reden in der anderen, lassen die Odessaer ihren Zorn aus, sowie ihren verbissenen Willen, ihre Stadt vor Faschismus und Krieg zu schützen. „Odessa, Odessa, wir werden nicht vergessen und nicht vergeben!“ „Odessa, der Faschismus wird nicht siegen!“ „Odessa, Stadt der HeldInnen!“. Mit Held - geroj - ist hier notwendigerweise ein antifaschistischer Kämpfer gemeint. Später wagen Frauen es laut zu rufen: „Bandera-AnhängerInnen weg aus Odessa!“ Aber es gibt überall Polizisten, ein versteckter Mann filmt uns von einem Fenster des niedergebrannten Gewerkschaftshauses. Im Verlauf der Feier erscheinen immer mehr Polizisten in Zivilkleidung und fragwürdige Gestalten. Manche sind unsere Feinde: Sie kommen von der Demo der Bandera-AnhängerInnen auf dem anderen Platz. Sie schleichen sich in unsere Demo ein, erkennen uns als ausländische Journalisten, beginnen uns anzusprechen und uns Fragen zu stellen. Da wir mit den Menschen sprechen wollen und jene es auch wünschen, sichtbar erleichtert beim Gedanken, dass „die Wahrheit in der ganzen Welt bekannt sein wird“, reden wir manchmal mit Leuten, mit denen wir besser nicht reden sollten, bevor wir merken, dass wir vorsichtiger sein müssen.

Eigentlich ist Wahrheit das Einzige, was die trauernden Familien in Odessa fordern, noch bevor sie ihren Wunsch nach Gerechtigkeit auszusprechen wagen. Es ist für sie eine brutale Gewalttat, wenn sie sehen müssen, wie die ukrainischen Behörden ihre „offizielle Version“ der „Ereignisse“ verbreiten: nämlich, dass russische Terroristen in das Gewerkschaftshaus eingedrungen waren und dass Russen getötet werden mussten.

Als wäre es politisch vernünftig, „Russen zu töten“, als wäre das eine Politik, welche die europäischen Werte achtet und die Ukraine näher an die EU bringen soll. Das ist der erschreckendste Aspekt des Faschismus: dass die Menschen es letztendlich für normal halten, diese oder jene Kategorie der Bevölkerung zu ermorden. Der alltägliche Faschismus der gewöhnlichen Menschen, den wir in Europa nicht mehr als solchen zu erkennen wissen.

Während des Trauermahls erzählen uns die Familien, wie sie von der Polizei und den Justizbeamten gedemütigt werden, wenn sie sich nach dem Verfahren erkundigen. Oft wird ihnen geantwortet: „Wenn Du nicht zufrieden bist, dann geh heim nach Russland!“ „Aber wir sind OdessaerInnen, wir leben hier seit 4 oder 5 Generationen! Warum sollte ich nach Russland gehen, wenn Odessa meine Heimat ist?“ Das haben wir von manchem verzweifelten Menschen gehört.

Ich spüre das Gewicht meiner Verantwortung und meiner Schuld, wenn ich die Frauen aus den trauernden Familien von den Verstorbenen sprechen höre, von ihren Qualitäten und von der Absurdität ihres Todes, von den Ungerechtigkeit dieses Massenmordes, aber auch von ihrer Fassungslosigkeit: Wie kann man jemanden ermorden, bloß weil er politisch anders denkt? Ich fühle das Gewicht aller, die nicht da sind, der 400 Millionen Europäer, im Osten und Westen, aus Portugal oder Bulgarien, aus Deutschland oder Finnland oder Frankreich, all dieser europäischen BürgerInnen, die sich darum einen Dreck kümmern. Ich fühle das Gewicht all jener linken AktivistInnen, die von nichts wissen wollen, obwohl verantwortungsbewusste Menschen, die sich für so viele humanistische Sachen einsetzen. Diese AktivistInnen, FreundInnen sogar, die nicht allzu viel wissen wollen, oder jedenfalls nicht bis hierher fahren, um das Weinen der Frauen, die einen Sohn, Bruder, Ehemann oder eine Schwester, Tante, Mutter verloren haben (denn es gab auch Frauen unter den zu Tode Verprügelten oder bei lebendigem Leibe Verbrannten im Gewerkschaftshaus). Komischerweise fühle ich mich verantwortlich für jene hunderttausenden EuropäerInnen, während ich hier bin. Und inmitten des Geschreis und dem Weinen der Opfer höre ich ganz deutlich das Säbelrasseln des emporsteigenden Faschismus. Ich werde wieder und wieder sagen, dass ich endlich verstehe, wie der Krieg möglich war, der Jugoslawien zerstörte. Ja, deswegen, weil im Westen so viele Leute, Aktivisten, Verantwortliche von Zusammenschlüssen und politischen Organisationen weder etwas wissen noch etwas tun wollten. Osteuropa liegt zwar in Europa, aber wir fühlen uns allein und von den EuropäerInnen im Stich gelassen.

Ich ergreife das Wort, um diese Gefühle auszusprechen. Die Mütter derer, die in Odessa von den Faschisten getötet wurden, rufen uns dann laut zu: „Bitte sagt die Wahrheit, vor allem sagt die Wahrheit, die ganze Wahrheit! Unsere Kinder waren ordentliche Leute! Keine Penner oder Außenseiter. Im Gegenteil: Sie waren Informatiker, Lehrer, Dichter, Journalisten, Designstudenten. Sagt die Wahrheit, sonst werden euch die Faschisten auch holen. Und ihr werdet nicht entkommen, glaubt nur nicht, dass ihr entkommen werdet!“ Ich denke an Pavlos Fyssas [Griechischer Rapper, der am 18. September 2013 von einem Mitglied der Nazipartei Goldene Morgenröte getötet wurde], Clément Méric [Französischer Antifaschist, der von faschistischen Skinheads am 5. Juli 2013 getötet wurde] und ich weiß, dass es stimmt. Wie kann ich aber meine europäischen – französische, polnische und andere MitbürgerInnen überzeugen, dass es ebenso wichtig, ja noch wichtiger ist, nach Odessa zu fahren, um über den Donbass Zeugnis abzulegen, als auf der nächsten Konferenz in Paris über Klimawandel zu diskutieren?

Ich kann den Müttern aus Odessa nur versprechen, dass ich die Wahrheit, die ganze Wahrheit sagen werde. Und so schreibe ich es hier auf, noch bevor ich Fotos senden kann. Morgen besuchen wir das Gefängnis, um die willkürliche Verhaftung der 100 politischen Gefangenen aus Odessa zu bezeugen.





Übersetzt von Michèle Mialane میشل ميلان
Herausgegeben von Susanne Schuster سوزان شوستر

Danke Tlaxcala
Quelle: https://www.facebook.com/notes/monika-karbowska/odessa-2-mai-2015-la-comm%C3%A9moration-du-massacre-perp%C3%A9tr%C3%A9-le-2-mai-2014-%C3%A0-la-maiso/882562958477091?pnref=story
Erscheinungsdatum des Originalartikels: 04/05/2015
Artikel in Tlaxcala veröffentlicht: http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=14702